Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.
Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
 


>cash drive< zeigt in einer mittels dreier Videobeamer auf eine überbreite Leinwand projizierten Filmesequenz den Künstler (selbst) bei dem erfolglosen Versuch, eine große, goldene Luxuslimousine allein durch den Einsatz körperlicher Kraft vorwärts zu schieben. Erst wenn der Betrachter den symbolischen Preis von einem Euro in die Zahlungsapparatur der Installation eingeworfen hat, gelingt es, das voluminöse ‚Automobil' von der Stelle zu bewegen. Bereits nach einer kurzen Distanz jedoch gerät die Bewegung erneut ins Stocken, und der Künstler - sicherlich ein neuer Sisyphos - ist gezwungen auf eine neue Eingebung zu hoffen.
Anders als Jakub Moraveks bisherige interaktive Installationen, reagiert >cash drive< nicht auf die körperliche Position des Betrachters im Raum, sondern auf die Entrichtung eines rein symbolischen Wertes: einer Geldmünze, wie sie im alltäglichen Warenverkehr der Tauschwirtschaft als absolut allgemeines Wert-Äquivalent, d.h. als zugleich universelles und daher per se nichtssagendes Zeichen, eingesetzt wird. Stellt hier schon die Tatsache, dass nach dem Eintrittsgeld der Ausstellung noch einmal für den Genuss des einzelnen Werks bezahlt werden muss, einen irritierenden Bruch mit den Konventionen der Kunstpräsentation und -rezeption dar, so entreißt spätestens die Überlegung, was hier eigentlich gehandelt werden soll, die allzuvertraute Geste des Geldeinwerfens dem gewohnten Automatismus und lässt sie - synchron mit der Arbeit des Künstlers - stocken. Die Frage, was hier geboten ist, was der willige Kunde letztlich für sein Geld erhält, zwingt sich in jeder Hinsicht auf und wird noch verschärft durch den Umstand, dass die zirkuläre Struktur der Filmsequenz der künstlerischen Anstrengung - egal wieviel Geld eingeworfen wird - kein Ziel in Aussicht stellt.
>cash drive< synchronisiert den künstlerischen Arbeitsprozeß unmittelbar mit der Zirkulation ökonomischer Zeichen und identifiziert so künstlerisches Schaffen mit dem Prinzip geldwerter Arbeit, wie es Marx beschrieben hat. Doch im Gegensatz zu Marx' an der Fertigung von Gebrauchsgegenständen orientiertem Begriff der Arbeit steht im Falle der Kunst gerade die für das Funktionieren des Marktsystems essentielle Produktion von "Mehrwert" radikal in Frage. Wenn >cash drive< die Gabe eines an sich bedeutungslosen aber wertvollen Zeichens mit der Gegengabe eines ‚künstlerischen Fortschritts', mit einem an sich wertlosen aber durchaus bedeutungsvollen Zeichen beantwortet, lässt sich dann das Geschäft der Kunst als ein Tausch von Geld gegen verwertbaren Sinn bestimmen? Oder wird auf diese Weise gar künstlerischer Wert und Sinn vom end- und ziellosen Spiel zirkulierender Zeichen verschlungen? Anders gestellt kann die Frage auch lauten: Ist mit der Bezahlung jedes kleinen Fortschritts das ökonomische Verhältnis dem geistigen Kunstwerk eingeschrieben, oder aber die Kunst ihrerseits als durchaus berechenbarer Wert dem System der Ökonomie als Ware zugehörig?
Die von >cash drive< aufgeworfene Frage nach dem ökonomischen Wert und Sinn von Kunst ist schließlich auch die nach dem Verhältnis von Kunst und Macht, denn in einer Gesellschaft, die Werbedesignern den Rang von Künstlern zugesteht und in der die Realisierung von Kunstwerken zunehmend erst durch wirtschaftliche Sponsoren ermöglicht wird, kann das Postulat einer autonomen Kunst (wie vielleicht schon immer, bedenkt man die uralte Tradition des Mäzenentums) nur als Treppenwitz gelten. Und so betrifft auch hier, wie immer, wenn von der Ökonomie die Rede ist, die entscheidende Frage den Profit: Zu wessen Lust ‚pusht' am Ende der Künstler den goldenen Hauptgewinn? Uns zum Vergnügen oder sich zum Wohle oder gar für einen großen Konzern? Oder für alle oder für keinen? Jedenfalls - nicht umsonst.

Florian Schneider