Eine Frau, zwei Männer und die kühle Atmosphäre eines gekachelten Raumes sind die dem film noir entliehenen Ingredienzien des interaktiven Kurzkrimis Seduction of the Innocent, den humancontrol 1998 der Öffentlichkeit vorstellte. Erstmals hat Jakub Moravek für diese Installation mit professionellen Schauspielern zusammen gearbeitet. Sie sind die Akteure eines Films, der auf die Rückwand des als Fortsetzung des kinematischen Raums ausgebildeten Betrachterraums projiziert wird. Von ihnen quasi durch die Projektionsfläche getrennt befindet sich der Zuschauer in der Rolle eines Voyeurs, eines heimlich in den Intimbereich des Badezimmers vorgedrungenen Schaulustigen. Dieser sieht eine junge Frau in das leere Bad kommen. Sie beginnt, sich am Waschbecken zu schminken. Bewegt sich ein Installationsbesucher zur Projektionswand hin, löst er Sensoren aus, die veranlassen, dass ein Mann die Szenerie betritt, auf den ein zweiter folgt. Scheinbar grundlos versucht der zweite schließlich, den ersten in der Badewanne zu ertränken. Die Frau schaut teilnahmslos zu. Der Betrachter realisiert meist erst nach einer Weile, dass sein Operationsraum eine realräumliche Erweiterung des Filmraums ist und seine Bewegungen im Realraum analog in Filmbewegung umgesetzt werden. Die Heftigkeit der Handgreiflichkeiten hängt also direkt von der Position des Betrachters im Raum ab: Je näher er an die Projektion herangeht, desto brutaler die Gewalt. Bewegt sich der Betrachter rückwärts und entfernt sich vom Geschehen, bewegt sich auch der Film zum Ausgangsbild zurück. Formal an eine Closed-circuit-Installation erinnernd, spannt Seduction of the Innocent den Bogen des Möglichen vom leeren Badezimmer bis zum Klimax des permanenten Tötens, das niemals in karthatischen Sterben enden darf. Die teilnahmslose Frau, die den gewalttätigen Männern im Badezimmer zuschaut, antizipiert den Betrachter, der sich durch die illustrative Konstruktion von realräumlich und illusionsräumlich in den Filmraum hineingestellt sieht. Aus einem analytischen Verhältnis von Betrachter und Film wird ein komplettierendes. Der Film wird zum Komplize des Zuschauers und der Zuschauer zum Komplize des Films.

Susanne Prinz